Freiweg | 10 Dinge, die ich durch die Körperarbeit gelernt habe
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10 Dinge, die ich durch die Körperarbeit gelernt habe

Ich habe immer bedauert, dass ich meine beiden Herzenstätigkeiten, das Schreiben und die Körperarbeit, nicht miteinander verbinden konnte. Bis ich vor Kurzem begriffen habe, dass das schon längst passiert ist.

Ich habe immer bedauert, dass ich meine beiden Herzenstätigkeiten, das Schreiben und die Körperarbeit, nicht miteinander verbinden konnte. Bis ich vor Kurzem begriffen habe, dass das schon längst passiert ist.

Ich habe mich für Nuad, klassische Thai Massage, entschieden. Nach einer anfänglichen Ausbildung in Österreich gönnte ich mir eine Auszeit in Thailand, um in der wunderbaren Sunshine Massage School in Chiang Mai zu lernen.

Es war kein Spaziergang. Sechs Wochen lang saß ich von Montag bis Freitag am Boden, lernte die Theorie und wendete sie danach an. Das Wochenende war zum Wiederholen und Üben da. Alles bei schwüler Hitze von 35 Grad.

Und trotzdem machte es mich glücklich, ich wusste nur nicht genau warum.

Zurück in Österreich hatte sich das mit dem frustrierenden Job erledigt. Ich war gezwungen, mir neue Wege zu suchen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Das Bedürfnis, das Schreiben und die Körperarbeit zu verbinden, war stets da. Es kam aber der Zeitpunkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass ein Unternehmen zu starten schon herausfordernd genug war. Ich traf eine Entscheidung.

Do one thing well.

David Hieatt

Ich konzentrierte mich auf das Schreiben. Das machte es für mich leichter. Gefehlt hat mir immer etwas. Bis zu dem Tag vor ein paar Wochen.

Beim Lesen des Buches „The Power Of Less“ von Leo Babauta wurde mir plötzlich klar: Das, was mich bei der Körperarbeit so glücklich gemacht hatte, war bereits fixer Bestandteil meines Lebens und meiner Arbeit geworden.

1. Meditation

In der Thai Massage ist es Tradition, den Arbeitstag mit einer Meditation zu beginnen. Mit dem sogenannten Wai Khru, einem Mantra, mit dem man dem Begründer der Thai Massage Respekt zollt.

Außerdem beginnt und endet eine Behandlung mit einer kurzen Meditation. Manche bezeichnen Nuad überhaupt als Meditation in Bewegung. 

To meditate does not mean to fight with a problem. To meditate means to observe.

Thich Nhat Than

Meditation hilft mir, besser mit Zweifel, Unsicherheit, Ängsten, Ablenkungen und den zahlreichen negativen Gedanken umzugehen. 

Sie blendet alles aus und lässt nur mich, meine Gedanken und den gegenwärtigen Moment zu. 

2. Grenzen setzen

In unserer Multitasking-Gesellschaft leben wir ohne Grenzen. Nach vielen Jahren der Doppelbelastung mit Familie und Beruf weiß ich, wie sich permanente Überforderung anfühlt.  

Nuad war in dieser Hinsicht ein Augenöffner für mich. Es findet auf der begrenzten Fläche einer Matte für einen klar definierten Zeitraum statt. Man lernt Prioritäten zu setzen und mit seiner Energie hauszuhalten. 

Grenzen bedeuten Fokus und das ist wohltuend.

3. Rituale geben Halt

Eine Nuad-Behandlung folgt immer einem Ritual. Zwischen der Anfangs- und Schlussmeditiation arbeitet man von den Füßen hoch zum Kopf und Gesicht. 

Unser Steinzeitgehirn lässt sich ständig ablenken. Um bei unseren Zielen und Aufgaben weiter zu kommen, erleichtern uns Rituale den Alltag. 

Sie entfalten besonders dann ihren Nutzen, wenn es einmal nicht wunschgemäß läuft.

4. Die innere Haltung

Alle Lehrer, so unterschiedlich sie waren, sahen ihre Aufgabe nicht nur darin, mir ein Handwerk beizubringen, sondern auch eine Haltung, die getragen war von Demut, Geduld und Wertschätzung. 

Diese Eigenschaften setzen einen Kontrapunkt zu unserer Getriebenheit und sind unerlässlich für ein glückliches Leben.

5. Dienen

Nuad hat mich gelehrt, die Grenze zwischen Selbstaufgabe und sich in den Dienst einer Sache stellen zu erkennen. Das hilft mir sowohl auf persönlicher als auch beruflicher Ebene.

6. Sich selbst treu bleiben

Körperarbeit zu lernen und auszuüben ist immer auch eine Reise zu sich selbst. Mit der Selbstständigkeit verhält es sich ähnlich. 

Du begegnest in konzentrierter Form allen Eigenschaften, die du auch sonst nicht an dir magst und bist ständig mit Zweifeln konfrontiert.

Aber Angst vor Fehlern oder nicht perfekt zu sein, darf nie der Grund sein, es nicht zu versuchen.

7. Flow lässt sich trainieren

Bei Nuad lernst du beinahe selbstverständlich, im gegenwärtigen Moment zu sein. Nicht sofort natürlich, denn anfangs bist du mit Technik, Konzentration und deinen körperlichen Einschränkungen beschäftigt. 

Im Flow zu sein, fällt einem nicht in den Schoß. Es braucht wie alles im Leben Übung.

8. Es darf leicht gehen

Ich habe Arbeit häufig erst dann als Arbeit empfunden, wenn ich mich dabei verausgabt habe und an meine Grenzen gegangen bin.

Jeder Handgriff und jede Haltung sind im Nuad so ausgelegt, dass du mit dem geringsten körperlichen Einsatz das Maximum erreichst. 

Daran ist nichts verwerflich. 

9. Trust the process

Körperarbeit ist ein Angebot, dass du einem Menschen machst, aber kein Heilungsversprechen. 

Das Geheimnis einer erfolgreichen Behandlung liegt nicht nur in der Perfektion der Ausführung, sondern im Vertrauen in den Prozess. Der gewünschte Erfolg ist dann zumeist die logische Konsequenz daraus.

10. Dankbarkeit statt Perfektionismus

Es war eine Herausforderung, Thai Massage neben dem Job zu lernen. Mein Perfektionismus hat es mir nicht gerade erleichtert. 

Ob etwas perfekt ist oder nicht, ist aber immer eine Frage des Blickwinkels. Warum sich also die Haare raufen, wenn etwas einmal nicht so ist, wie man es sich vorstellt? 

Wann immer die Freude auf der Strecke bleibt, ist es höchste Zeit sich herauszunehmen und in Dankbarkeit auf die positiven Dinge zu blicken. 

Danke, dass du bis hier her gelesen hast. Einen elften Punkt möchte ich noch ergänzen:

Man ist im Nuad immer auf der Suche nach noch eleganteren Abläufen. Meinen Lehrern in Thailand war dieser Ansatz fremd. Keep it simple, lautete ihre Devise. Oder wie es mein Lehrer Yan formuliert hat: Tue das, was du begreifen kannst.

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